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Der Gast, eine zarte Gestalt, mit feinen Zügen und einer Brille vor den Augen, rückte sich gehorsam zurecht und ergriff ein kleines Buch, welches Mittelpunkt eines Kreises von aufgeschlagenen Werken in jedem Alter und Format war. Mit Kennerblicken musterte er zuerst den Deckel: geschwärztes Pergament mit alten Noten und darunter gechriebenem Kirchentext, er warf einen spähenden Blick auf das Innere des Einbands und suchte nach den Pergamentstreifen, durch welche der übelerhaltene Rücken des Buches mit dem Deckel verbunden war. Dann erst sah er auf das erste Blatt des Inhalts, auf die vergilbten Buchstaben des geschriebenen Textes. "Das Leben der heiligen Hildegard, - die Hand des Schreibers aus dem fünfzehnten Jahrhundert," - sprach er , und sah den Freund fragend an.

"Nicht deshalb zeige ich dir das alte Buch. Sieh weiter. Der Lebensgeschichte folgen Gebete, eine Anzahl Recepte und Wirthschaftsregeln von verschiedenen Händen bis über die Zeit Luthers hinaus. Ich hatte diese Blätter für dich gekauft, du konntest darin vielleicht etwas für deine Sagen oder Volksaberglauben finden. Bei der Durchsicht aber traf ich auf einer der letzten Seiten diese Stelle, und ich muß dir jetzt das Buch noch vorenthalten. Es scheint, daß mehre Generationen eines Mönchsklosters das Buch benutzt haben, um Bemerkungen einzuzeichnen, denn auf diesem Batt ist ein Verzeichniß von Kirchenschätzen des Klosters Rossau. Es war ein dürftiges Kloster, das Verzeichnis ist nicht groß, oder nicht vollständig. Es wurde von einem unwissenden Mönche, soweit man aus seiner Schrift schließen kann, etwa um 1500 gemacht. Sieh, hier Kirchengeräth und wenige geistliche Gewänder, und hier einige theologische Handschriften des Klosters, für uns gleichgültig, darunter aber zuletzt folgender Titel: "Das alt ungehür puoch von ußfart des swigers."

Der Doctor prüfte neugierig die Worte. "Das klingt wie Ueberschrift eines Rittergedichts. Und was bedeuten die Worte selbst: Ist der Ausfahrende ein Schwieger, oder ein Schweigender?"

"Versuchen wir das Rätsel zu lösen," fuhr der Professor mit glänzenden Augen fort, und wies mit dem Finger auf dasselbe Blatt. "Eine spätere Hand hat in lateinischer Sprache dazugeschrieben: "Dies Buch ist latein, fast unlesbar, fängt an mit den Worten: lacrimas et signa und endet mit den Worten: Hier schließt der Geschichten - actorum - dreißigstes Buch." Jetzt rathe.

 

 

 

 

 

Entnommen aus: Gustav Freytag. Die verlorene Handschrift. Roman in fünf Büchern
Erstes Buch, Kapitel 1. Gesammelte Werke in 22 Bänden, Leipzig, Hirzel 2. Auflage 1897, Band 6, Seite 3 bis 8