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"Gustav Freytag - Konstellationen des Realismus"
von Philipp Böttcher


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Gustav Freytag - Journalist, Kulturhistoriker

* 18.7.1816 Kreuzburg/Oberschlesien; † 30.4.1895 Wiesbaden

 

Gustav Freytag wurde als Sohn eines Arztes und Bürgermeisters im oberschlesischen Kreuzburg geboren. Bis zum 13. Lebensjahr erhielt er von seinem Onkel, dem Pastor E. G. Neugebaur, Privatunterricht. Danach besuchte er das Gymnasium in Oels und erwarb dort 1835 das Reifezeugnis. Im selben Jahr begann er deutsche Sprache und Literatur in Breslau zu studieren und ging 1836 nach Berlin, wo er bei Karl Lachmann 1838 mit der Dissertation De initiis scenicae poesis apud Germanos (Über die Anfänge der dramatischen Poesie bei den Deutschen) promoviert wurde. 1839 kehrte er nach Breslau zurück, habilitierte sich mit der Abhandlung De Hrosvitha poetria (Über die Dichterin Roswitha) und wurde Privatdozent für deutsche Sprache und Literatur an der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität. Als A. H. Hoffmann von Fallersleben wegen seiner demokratischen Gesinnung 1843 ebendort als Universitätslehrer entlassen wurde, bewarb sich Freytag - allerdings erfolglos - um dessen außerordentliche Professur.

 

Freytag verzichtete im folgenden auf die akademische Laufbahn und lebte seit 1844 als freier Schriftsteller in Breslau, Dresden und Leipzig. Trotz seiner Gedichtsammlung In Breslau (1845) empfand sich Freytag nicht als Lyriker. Seine Neigung galt vielmehr dem Drama. In Breslau bekam Freytag über Karl von Holtei, den Direktor des Stadttheaters, Kontakt zur Bühne. Hier entstanden das Lustspiel Die Brautfahrt oder Kunz von der Rosen (1841) und das Schauspiel Die Valentine (1846). In Dresden schrieb Freytag das Schauspiel Graf Waldemar (1847), in Leipzig das Trauerspiel Der Fabier (1859) und das Lustspiel Die Journalisten (1852), das der liberale Publizist Freytag aus intimer Milieukenntnis realistisch gestalten konnte. In dieser Komödie wird der politische Gegensatz zwischen Liberalen und Konservativen ausgetragen, und Freytag läßt keinen Zweifel daran, daß seine Sympathie dem liberalen Journalisten Bolz gehört. In Übereinstimmung mit seiner Dramentheorie Technik des Dramas (1863) bemühte sich Freytag hier um individuelle Gestaltung der Personen. Nicht zufällig hat dieses Lustspiel Freytags übrige Dramen überdauert.

Im Revolutionsjahr 1848 hatte Freytags Engagement als Journalist begonnen. Von 1848 bis 1870 war er Miteigentümer und Mitherausgeber der bei F. W. Grunow in Leipzig verlegten Wochenschrift Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik und Literatur, des wichtigsten Organs des nationalliberalen Bürgertums, zusammen mit dem aus Ostpreußen stammenden Julian Schmidt, der allerdings 1861 ausschied. Die Grenzboten vertraten literarisch den poetischen Realismus und politisch die kleindeutsche Reichsbildung unter Preußens Führung. Nachdem das Deutsche Reich gegründet worden war, verloren die Grenzboten, für die Freytag etwa 700 Artikel geschrieben hat, an Bedeutung. Nach seiner Trennung von ihnen arbeitete Freytag an der nationalliberalen Zeitschrift Im neuen Reich mit, die 1871 bis 1881 erschien und bis 1874 von Alfred Dove herausgegeben wurde.

Der Literaturkritiker Julian Schmidt forderte, der Roman solle das deutsche Volk dort suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden sei, nämlich bei seiner Arbeit. Dieses Postulat erfüllt Freytags Kaufmannsroman Soll und Haben (1855) beispielhaft. Den deutschen Arbeitsalltag schilderte Freytag wirklichkeitsgetreu aufgrund der Erfahrungen im Hause seines Freundes, des Kaufmanns Theodor Molinari in Breslau. Das aufstrebende Bürgertum, der dekadente Landadel, jiddische Kaufleute werden in überspitzter Charakterisierung dargestellt. Unhaltbar ist es, im Zusammenhang mit den Gestalten Veitel Itzig oder Hirsch Ehrenthal dem Schriftsteller eine antisemitische Absicht zu unterstellen, verurteilte doch Freytag selbst in seiner Pfingstbetrachtung (31. Mai 1893), geschrieben für die Wiener Neue Freie Presse, den Antisemitismus aufs entschiedendste. In Soll und Haben erkannte sich das Bürgertum des 19. Jahrhunderts in seinem Selbstverständnis und Selbstbewußtsein wieder. Deshalb war der Roman so erfolgreich, "ein unendlich gelesenes Buch von kaum zu erschütternder Geltung" (Rudolf Borchardt). 1864 veröffentlichte Freytag seinen zweiten, den Gelehrtenroman Die verlorene Handschrift. In den Jahren 1872 bis 1880 erschien der Romanzyklus Die Ahnen (Ingo und Ingraban, 1872; Das Nest der Zaunkönige, 1873; Die Brüder vom deutschen Hause, 1874; Markus König, 1876; Die Geschwister, 1878 und Aus einer kleinen Stadt, 1880). Zeitlich reicht die Romanfolge von den Anfängen der Völkerwanderung bis zum Revolutionsjahr 1848. Inhaltlich sind die an sich eigenständigen Romane durch die Geschlechterfolge einer deutschen Sippe verbunden.

Vom Kulturhistoriker Freytag erschienen 1859 bis 1867 die Bilder aus der deutschen Vergangenheit, "in ihrer Art ein klassisches Werk" (Egon Friedell). Hauptquelle für diese Kulturgeschichte war die 6.265 Stück umfassende Flugschriftensammlung Freytags.

Gustav Freytag gehört zu den bedeutenden Schriftstellern des deutschen Realismus. Als Schriftsteller und Journalist war der liberale Preuße der Exponent des gehobenen Bürgertums und zugleich dessen Hausautor.

1850 hatte Freytag, der zu Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha in einem freundschaftlichen Verhältnis stand, in Siebleben bei Gotha ein Landhaus erworben. Seit 1851 verbrachte er hier meist den Sommer, den Winter wegen des milderen Klimas - Freytag litt an Atembeschwerden - seit 1879 in Wiesbaden. Sein Leichnam wurde auf dem Sieblebener Friedhof beigesetzt.

 

Werkausgaben: Gesammelte Werke. 1-19. Leipzig 1886 bis 1888. - Gesammelte Werke. Serie 1. 1-8. Serie 2. 1-8. Leipzig/Berlin-Grunewald 1915 bis 1923.

Lit.: Gustav Freytag: Erinnerungen aus meinem Leben. Leipzig 1886. - A. Dove: Gustav Freytag. In: Allgemeine Deutsche Biographie. 48. 1904. - C. Grünhagen: Schlesische Erinnerungen an Gustav Freytag. Kreuzburg 1910 (Veröffentlichungen der Gustav-Freytag-Gesellschaft zu Kreuzburg. 2). - Der Oberschlesier. Gustav-Freytag-Sonderheft. Jg. 17. H.6. 1935.

 

Waldemar Zylla

 

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Ostdeutschen Biographie der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Vielen Dank für die Wiedergabeerlaubnis.